Sichtfahrgebot, eine selbstverständliche Regel?

Wir haben in Berlstedt im Rahmen eines lockeren Radverkehrsicherheitskompetenztests die anwesenden Politiker gefragt: Wie schnell darf man bei Nacht fahren?

"100, nein 70km/h wenn es ausgeschildert ist."
"Man muß 'auf Sicht' fahren." war dabei die zutreffendste Antwort.

Hintergrund für diese Frage war einerseits die spektakuläre Häufung von Unfällen unter Radfahrerbeteiligung bei Dunkelheit auf Thüringer Landstraßen und auch eine fast Verdoppelung der Wildunfälle im Jahr 2008 in Thüringen.

StVO

Neben den allgemeinen Höchstgeschwindigkeiten in §3 (3) StVO steht in §3 (1) StVO:
Er darf nur so schnell fahren, daß er innerhalb der übersehbaren Strecke halten kann. Auf Fahrbahnen, die so schmal sind, daß dort entgegenkommende Fahrzeuge gefährdet werden könnten, muß er jedoch so langsam fahren, daß er mindestens innerhalb der Hälfte der übersehbaren Strecke halten kann.

Dieses Sichtfahrgebot begrenzt die Geschwindigkeit deutlich weiter nach unten und die Einhaltung dieses Gebotes hätte einige der spektakulären Unfälle unter Radfahrerbeteiligung im letzten Jahr hier in Thüringen vermeiden können.

Gerichtsentscheidungen

Situation: Es stand ein Pferd auf der Landstraße und es war Nacht. Der PKW-Fahrer war mit 65 km/h unterwegs und konnte nicht rechtzeitig vor dem Pferd anhalten.

Dazu führt das Oberlandesgericht Hamm 25.04.2006 – 9 U 7/05 – aus:
Eine Geschwindigkeit von 65 km/h und mehr bei Dunkelheit auf einer Landstrasse genügt nicht den Anforderungen eines Fahrens auf Sicht, weil die Erkennbarkeitsentfernung in Bezug auf Pferde nicht mehr als 30 Meter beträgt. Ein Sachverständiger hat in dem Prozeß festgestellt, daß bei einem “Fahren auf Sicht” die Annäherungsgeschwindigkeit bei Fahren mit Abblendlicht maximal 46 km/h oder bei einer Bremsung des Kl. vor dem Zusammenstoß mit den Pferden 56 km/h hätte betragen dürfen.

Fundstelle

OLG Köln v. 11.10.2002: Das Sichtfahrgebot des § 3 Abs. 1 StVO verletzt, wer bei Dunkelheit mit Abblendlicht auf gerader, regennasser Landstraße schneller als 40 km/h fährt.

Fundstelle

Auf der [Autobahn A 5 (Karlsruhe - Basel) ... im Bereich der Anschlussstelle Rust blieb der Mercedes Sprinter in der Hälfte zwischen dem Ausfahrtsast und dem Einfahrtsast mit dem Dach in Richtung des aus Norden kommenden Verkehrs zeigend auf der rechten Fahrbahn unbeleuchtet liegen. Die Autobahn A 5 ist im Bereich der Unfallstelle unbeleuchtet. Der schwarz lackierte Mercedes Sprinter lag vor dem Hintergrund eines Waldes.
[...] näherte sich der Angeklagte als Fahrer des etwa 36 Tonnen schweren beladenen Lastzugs [...] mit einer Geschwindigkeit von 86 km/h.
Der Angeklagte hätte den Aufprall und den dadurch verursachten Tod des A. dadurch verhindern können, dass er mit einer Geschwindigkeit von 45 km/h gefahren wäre, so dass er innerhalb der Sichtweite des Abblendlichts von 30 m seinen Lastzug hätte abbremsen können. Für den Angeklagten war vorhersehbar, dass er durch ein Überschreiten der den Sichtverhältnissen angepassten Geschwindigkeit auf ein unbeleuchtet liegen gebliebenes Fahrzeug auf seiner Fahrbahn nicht rechtzeitig würde reagieren können.

Fundstelle

Zusammenhänge

Als Beispiel nehmen wir einen Kraftfahrzeugführer, der mit ausserorts bei Neumond mit Abblendlicht fährt.
30-50 m weit reicht der Kern des Leuchtkegels. Steht ein Fußgänger auf der Fahrbahn, sieht man in dieser Entfernung schemenhaft die Schuhe und das dort Etwas ist. Erkennen, was dort ist, kann man erst etwas später. Die Information braucht dann auch noch mindestens 1 s um einen beherzten Tritt des Kraftfahrers auf die Bremse auszulösen [Eckert, S.103].

In dieser 1 Sekunde rollt ein Fahrzeug mit 108km/h genau 30 m, mit 72km/h 20 m und mit 36km/h 10 m ungebremst weiter.

Der folgende Bremsweg ergibt sich aus der Geschwindigkeit, der Funktionstüchtigkeit der Bremsen und der Oberflächenbeschaffenheit der Fahrbahn und beträgt im besten Fall bei 108km/h ca. 40 m, bei 72km/h etwa 12 m und bei 36km/h etwa 5 m. Bei nur leicht feuchter Fahrbahn verdoppeln sich die Werte, bei feuchten schlechten oder schmutzigen Fahrbahnen vervielfachen sie sich.

108km/h ist damit zu schnell. In den meisten Fällen sind auch 72km/h zu schnell, weswegen Gerichte auch immer wieder auf Mitschuld bei derartigen Unfällen entscheiden.

Wikipedia mit der ausführlichen Darstellung des Anhalte- und Bremswegs.

Anhalteweg und Kollisionsgeschwindigkeiten bei feuchter (5m/s²) oder trockener sauberer Fahrbahn (9m/s²)

Anhalteweg bei 5m/s² und verschiedenen Geschwindigkeiten

Anhalteweg bei verschiedenen Oberflächenbeschaffenheiten

Anhalteweg bei 5m/s² und verschiedenen Geschwindigkeiten

Nicht nur bei Dunkelheit

Das Sichtfahrgebot gilt aber nicht nur bei Dunkelheit, sondern immer wenn es Einschränkungen gibt: Regen, Nebel, vor Kuppen und auch vor Kurven.

Experiment

Ausgerüstet mit eine grünen Sitzball, einem schwarzen 25kg Dreschball (Boxsack) und einem moderen Kfz begab sich der Autor in einer Neumondnacht auf eine unbeleuchtete Nebenstraße. Dort plazierte er Boxsack und Ball etwa in einem Meter Abstand zum Fahrbahnrand auf der Fahrbahn, fuhr mit dem Kfz etwa 300m zurück um dann bei eingeschaltetem Abblendlich langsam auf die auf der Fahrbahn liegenden Dinge zuzufahren. Bei einer Entfernung von etwa 55m wurde der grüne Ball schemenhaft erkennbar:

Der grüne Ball wird in ca. 55m Entfernung sichtbar

Er entfernte den Ball, fuhr wieder zurück um langsam auf den verbleibenden auf der Fahrbahn liegenden Boxsack zuzufahren. Bei einer Entfernung von ca. 35m erkannte er, dass dort 'etwas Größeres' auf der Fahrbahn liegt:

Da ist was in ca. 35m Entfernung sichtbar

Anmerkungen zum Experiment

Diese Entfernungen sind der erste Sichtkontakt gewesen, in dem Wissen, das dort Dinge rumliegen und welche Dinge das sind. Erkennbar was es ist war es noch nicht.
Der Wahnehmungsprozess beginnt an dieser Stelle erst, und dauert 1/2s bis über 2s, je nach Leuchtdichte [Eckart, S. 74], Fähigkeiten und Zustand des Fahrers.

Radfahrer

Auch für Radfahrer gilt dieses Sichtfahrgebot, welches, konsequent angewendet, dazu führt das man sehr feinfühlig seine Lichtanlage auswählen und justieren muß, wenn man auch Nachts mehr als Schrittgeschwindigkeit mit dem Rad fahren möchte.
Zu Empfehlen sind die modernen LED Scheinwerfer von Schmidt oder Busch+Müller deren oberer Abschluß des beleuchteten Bereichs etwa in 30-50m auf die Fahrbahn treffen sollte.

Man kann auch mit dem Sichtfahrgebot argumentieren, das Radfahrer nachts mit ordnungsgemäßem Licht garnicht fahren dürften, da die Beleuchtungsstärke bis etwa 12km/h stark Geschwindigkeisabhängig ist und unterhalb von 7km/h praktisch nicht vorhanden. Man kann also mit den vorgeschriebenen Beleuchtungseinrichtungen im Stockdunklen gar nicht anfahren, ohne das Sichtfahrgebot zu verletzen.
Dies ist ein 'Überregulierungs - Defizit' in der StVZO die es explizit verbietet eine leistungsfähige Beleuchtungsanlage am Rad zu montieren.

Trotzdem gibt es für sicherheitsbewußte Radfahrer viele Anregungen im Internet leistungsfähige akkugestützte Lichtanlagen für das Rad zu bauen, mit denen man auch in Neumondnächten auf dunklen Landstraßen genug sehen und bei mehr als 50 km/h das Sichtfahrgebot einhalten kann.

Auge, Sehen, Helligkeit und das Altern

Im Laufe des Lebens verändert sich die physische Leistungsfähigkeit des Sehapparates deutlich zum Schlechteren hin. Stichpunkte aus [Eckert, S43ff]:

  • Die Regelung der Pupillenweite hat eine Latenzzeit von 0,1…1,0 s. Eine weitergehende Dunkeladaption hat ein große Adaptionszeit von einigen 10 s, die Helladaption geht deutlich schneller. -> Zu große Leuchtdichteänderungen sind ungünstig für das Sehen - z.B. bei Gegenverkehr auf dunklen Ausserortsstraßen.
  • Durch die hohe Veränderungsrate der Seheindrücke beim Bewegen im öffentlich Raum ist eine ständige Anpassung des Auges, Adaption, notwendig -> hohe Belastung der Augen, sowie Fehlleistungen durch mangelnde Anpassung.
  • Mit abnehmender Leuchtdichte wird das Auge relativ kurzsichtiger -> Kurzsichtige sehen nachts schlechter als Recht- oder Übersichtige.
  • Die Akkomodationsbreite nimmt mit dem Alter deutlich ab.
  • Maximaler und Minimaler Pupillendurchmesser nehmen im Alter ab -> der Lichtbedarf älterer Menschen steigt deutlich, die Fähigkeit im Dunkeln was zu sehen nimmt ab.
  • "Die Netzhautperipherie dient vor allem der Wahrnehmung von Veränderungen (Bewegungen. periodische Lichtreize usw.). d.h., sie ist in gewisser Weise ein Aufmerksamkeitssensor." Der zentrale Sehbereich liegt im Bereich 8-10° zur Sehachse.

Quellen und Literatur

  • [Eckart] Martin Eckert, "Lichttechnik und optische Wahrnehmungssicherheit im Straßenverkehr", Verlag Technik GmbH Berlin München, ISBN 3-341-01072-6, 1993

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